Ende 2021 erschien mit dem Album „Healing Hands“ von Marcus Deml eines der besten instrumentalen Gitarren Alben aller Zeiten. Genau vier Jahre hat sich der in Prag geborene Ausnahmegitarrist Zeit genommen und mit „Pure“ ein weiteres wegweisendes Werk in Sachen Gitarreninstrumentalmusik erschaffen. Zeit also für ein ausführliches Interview mit dem als Perfektionisten bekannten Vollblutmusiker.

Glückwunsch zum neuen Album, du hast es geschafft, die von dir mit dem Album „Healing Hands“ selbst erschaffene Messlatte gar noch zu überspringen. Was kannst du uns zur Entstehung des Albums erzählen? Vier Jahre sind ja eine lange Zeit.

Ich wollte mein definitives Album machen und habe mich nicht von wirtschaftlichen Interessen leiten lassen. Ich habe meine Einstellung zur Musik und zum Leben überdacht. Die große Frage: Was will ich? Die Antwort: Sowohl in der Musik als auch im Leben möchte ich, sofern ich es selber beeinflussen kann, mich nur mit erfüllenden und positiven Dingen beschäftigen. Bei der Musik bedeute dies eine Reduktion auf meine Stärken: Melodie und Harmonie. Im Leben: Keine Nörgler, Demagogen und Energievampire. Ich hatte viele Songs. Die ersten 6 Monate war ich aber mit allem unzufrieden. Dann verfiel ich endlich in den gewünschten Fluss und schließlich hatte ich das komplette Album in 8 Wochen fertig. Da man, sofern man alles selbst macht, Abstand benötigt, habe ich es mir 3 Monate nicht angehört. Erst dann habe ich es den Musikern vorgestellt.

Wie liefen die Aufnahmen ab, hast du den anderen Musikern genaue Vorgaben gemacht oder konnten diese auch eigene Ideen einbringen?

Ich mache immer komplette Aufnahmen, bei denen ich alles selbst spiele, mische und fertig produziere. Dadurch müssen wir nicht noch Sachen entwickeln. Dann können die Musiker sich natürlich einbringen, oder sich an die Vorgaben halten. Wir sind dann in die Echolane Studios gegangen, da dort ein riesiger Aufnahmeraum mit 6 Meter Deckenhöhe ist. Auch wollte ich ein Studio mit feinstem analogem Equipment. Kurzum: Wir hatten Bedingungen wie 1979. Entweder haben wir live, oder alle haben zu meinen bereits aufgenommenen Gitarren gespielt. Dann musste der beste Take selektiert werden. Das Mischen war dann wieder sehr zeitaufwendig. Wir haben bis zu 6 verschiedene Mixe pro Song gemacht. Um die erste Frage zu beantworten: Entscheidungen zu treffen, war der Grund für die lange Produktionszeit. Andererseits hat es mich meinem Ziel des idealen Albums nähergebracht.

Du hast dich ja schon vor Jahren von der Musikindustrie unabhängig gemacht und betreibst dein eigenes Label. Hast du diesen Schritt, der ja mit sehr viel eigener Arbeit verbunden ist, je bereut?

Bereuen klingt dramatisch. Es ist einfach ein Fakt, wenn man diesen Schritt nicht geht, kann man ein kreatives und finanzielles Leben als Künstler nicht führen. Jeder erfolgreiche Selbständige arbeitet 12 Stunden und daher mache ich auch viel Büroarbeit…

Wie schaut es mit Plänen für Livekonzerte aus? Eventuell eine Tour zum Album?

Wir haben mit Healing Hands ein Dutzend Konzerte gespielt. Wenn es wirtschaftlich und terminlich machbar ist, spielen wir an allen Steckdosen.

Du hast ja vor zig Jahren oft als Studiomusiker gearbeitet und bist auf vielen Produktionen zu hören. Wie siehst du heute diese Zeit und gibt es die Szene in Zeiten von KI und geringeren Budgets überhaupt noch?

Eine richtige Studiomusikerszene gibt es nur noch in Nashville. Es gibt sie weder in L. A., New York noch in Hamburg. Ich mache im Jahr vielleicht 5–6 Studio-Jobs. Aber dann für nette Menschen aus meinem eigenen Studio.

Auch als Endorser und Produktvorsteller warst du früher oft auf Musikmessen und in Musikshops unterwegs. Das machst du schon sehr lange nicht mehr, wie kam es zu dem Entschluss? Wie siehst du diese Szene heute?

Die Industrie ändert sich stetig. Alles läuft überwiegend im Netz ab. Ich bin sehr viel wählerischer geworden, was die Auswahl meiner Geschäftspartner betrifft. Es muss ein tolles Produkt sein, welches ich mir kaufen würde. Ich arbeite immer noch mit Kloppmann-Pickups zusammen. Dort gibt es 2 Signature Sets. Des Weiteren nutze ich Klotz Cables und DeeFlexx Beam Blocker und verwende ich den Power Attenuator von Redstuff. Allerdings ist auch die Herstellung meiner eigenen Pedal Linie mit dem Angry Gorilla Distortion und dem Sweet Elephant Overdrive viel wichtiger für mich, da ich von der Entwicklung und dem Design und der Vermarktung, alles selber betreue.

Mit „Guitar Junkie“ betreibst du deinen eigenen YouTube Chanel und hast dort zahlreiche für Gitarristen hochspannende Videos eingestellt. Wie wichtig ist die Social Media Komponente heute für Musiker?

Nicht jeder Social-Media-Kanal ist gleich wichtig. Man muss seine Zielgruppe kennen. Für mich ist YouTube das allerwichtigste. Für Instagram bin zu hässlich 😉 Jedes YouTube Video bringt wirtschaftlich so viel wie eine Woche Konzerte.

Du spielst ja schon dein ganzes Leben Gitarre auf einem sehr hohen Qualitätslevel. Wie schaffst du es dich noch zu inspirieren und nach all diesen Jahren im Geschäft das Ganze spannend zu halten?

Ich bin jeden Tag musikalisch inspiriert. Warum weiß ich nicht. Ich stehe früh auf, und spiel als erstes eine Stunde Gitarre. Danach zum Sport, dann ins Triple Coil Music Büro, dann ins Studio. Dann Business, dann Gitarre und Studio. So geht es eigentlich 7 Tage die Woche.

Hattest du in deiner Karriere schon mal einen Punkt in dem darüber 
nachgedacht hast dem Musik Business den Rücken zu kehren?

Ein einziges Mal. Eine Woche vor der ersten The Blue Poets Tournee, war der ursprüngliche Bassist ausgestiegen. Hätten wir die Tournee nicht gespielt, hätte ich wahrscheinlich mein Haus und Studio verloren. Also war ich einen Tag sehr wütend, und fragte warum ich mich durch andere Leute unverschuldet in solch eine existenzielle Situation bringen lasse, was letztendlich ein weiterer Schritt in der Gestaltung meiner Unabhängigkeit war. …Dies war dies auch der Grund, warum ich dann ein Album unter eigenem Namen machte. Glücklicherweise fanden wir mit Phil Steen einen wirklich großartigen Bassisten und konnten die Tour spielen.

„Pure“ ist ja nun dein zweites reines Instrumental Album unter deinem Namen. Bei Errorhead und Blue Poets waren ja auch immer Sänger am Start. Wie unterscheidet sich die Arbeit an rein instrumentalen Tracks gegenüber der mit Gesang? Ist es schwieriger auf rein instrumentaler Ebene die Zuhörer zu erreichen?

Darüber mache ich mir keine Gedanken. Mir macht beides Spaß. Sowohl bei Errorhead und The Blue  Poets habe ich ja genauso gearbeitet. D.H Ich habe auch auf der Vorproduktion gesungen, und dann jemanden engagiert, von dem ich der Meinung war, dass er eine bessere Stimme hat. Ich bin nicht kommerziell orientiert. Ich mache das, was mir in den Sinn kommt. Interessanterweise hat sich „Healing Hands“ besser verkauft als alle „The Blue Poets“ Platten zusammen. Das neue Album macht mich sehr, sehr glücklich und stolz. Ich kann es kaum erwarten, bis es alle hören können.

www.triplecoilmusic.com
www.marcusdeml.com

mehr zu Marcus Deml:

Guitar Special Vol.188 with Marcus Deml

 

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