Der Gitarrist/ Sänger und Songwriter Marcel Schibor ist ein fester Bestandteil der deutschen Underground Metal Szene. Mit vielen Projekten und Bands (u.a. Symbiontic“) konnte er sich bislang einen guten Namen machen. Nun liegt mit der Veröffentlichung des Albums „Utreja“ seiner Band „The Witches Dream“ ein weiteres Highlight in seiner langen Karriere an. Was uns der Vollblutmusiker alles zu seinem Schaffen berichten konnte lest ihr nun in unserem exklusiven und sehr ausführlichen Interview vom 23.03.2019

Chris:
Erzähl doch unseren Lesern mal wie alles für dich mit der Musik angefangen hat und was du bisher so alles auf gemacht hast?

Marcel:
Durch die Liebe meines Vaters zur Musik habe ich von klein auf mit Musik zu tun gehabt. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich im Wohnzimmer gespielt habe, während er Folklore und Klassik auf der Gitarre übte. Ich konnte irgendwann alles mitsingen, egal ob es Songs von Donovan oder Gerry Rafferty, Simon and Garfunkel, Leonard Cohen waren oder eben klassische Etüden, Bach, Carcassi, usw. Platten haben wir auch regelmäßig gehört, Pink Floyd, The Beatles, Led Zeppelin usw. Eine Situation war auch sehr einschneidend für mich: Als ich so mit 15 eine wichtige Rolle in einem Theaterstück aufgeführt habe (ich war Karl Moor in “Die Räuber” von Schiller), habe ich den ganzen Morgen auf Dauerschleife CHILD IN TIME gehört. Das war die richtige Vorbereitung. Megalaut natürlich. Er kam dann irgendwann rein, und statt mich zusammenzustauchen, weil er nicht in Ruhe arbeiten konnte sagte er nur: “Genau richtig, Junge!” In meiner frühen Jugend in den 80ern habe ich dann Bands wie A-ha und Depeche Mode vergöttert, bis ich durch Kollegen in der Schule den Metal erobert habe. Dann aber direkt die volle Breitseite: Morbid Angel, Obituary, Death usw…der Metal in all seinen Spielarten ist auch heute noch meine absolut favorisierte musikalische Richtung. Was Bands angeht, habe ich schon in der Grundschule meine erste Zwei-Mann Band gehabt. Ich glaube, wir hießen The Hot Cups…mit 15 war es dann erstmalig ernst, mit Synthi-Pop und einigen Coversongs der 80er. Mit 17 habe ich dann erst den Bass und dann die Gitarre in einer Rockband übernommen, aus der dann Green Grass On The High Tide entstanden sind – Grunge, Crossover, cooles Zeug. Wir haben auch jede Menge Konzerte gespielt, Platten aufgenommen, waren schon ne Nummer im Ruhrgebiet Underground. Naja, dann ging es für mich weiter direkt in den technischen Death-Metal und mit SYMBIONTIC hatte ich dann mein erstes richtig heißes Eisen am Start. Das war ne richtig coole Zeit. Mega. Zwischendurch immer mal wieder neue Bands, neue Projekte, mal Livegitarristengeschichten, mal Studioprojekte,, auch mal Auftragsmusik usw. So, und heute bin ich musikalisch voll ausgelastet, meist auch als Songschreiber und Texter mit einigen Projekten, und drei aktiven Bands, die mir allesamt sehr am Herzen liegen.
Wenn ich eine Liste mit den bisher für mich wichtigsten nicht mehr aktiven Bands machen sollte, würde die ungefähr so aussehen:
Green Grass On The High Tide (Grunge)
Poets To Their Beloved (Neo Folk)
Hurakan (ProgDarkMetal)
Pounding Dead Heart (Gothic Metal/Rock)
Symbiontic (Technical Death Metal)
Meine aktiven Bands / Projekte, alles Herzensangelegenheiten:
MAYZE www.mayze.de www.facebook.com/mayzemusic
THE WITCHES´ DREAM https://www.facebook.com/thewitchesdream/
REVEL IN VOID www.facebook.com/revelinvoid
HRAUN www.facebook.com/hraundoom

Chris:
Woher nimmst du die Inspiration für deine Songs, was beeinflusst dich?

Marcel:
Musik ist für mich Lebensgefühl, Lebensmittelpunkt neben meiner Familie und auch essentielles Mittel der Verarbeitung von Erfahrungen. Also ist alles Inspiration. Zwischenmenschliches, Filme, Bücher, Bilder. Und natürlich und vor allem meine eigenen Stimmungen. Ich bin nicht gerade ausgeglichen. Und kämpfe sehr viel mit mir selbst. Wahrscheinlich liegt hier der Kern der Inspiration. Es kann aber auch einfach eine Gitarre sein, ein schönes Drumset, eine theoretische Überlegung. Hier mal ein Beispiel: Wir waren auf einem Konzert und eine Band hatte einen spezifisch mathematisch herleitbaren Rhythmus zum Einstieg in ihren Song. Da kam mir die Idee aus einer Zahlenkombination ein Riff zu machen. Als wir dann am nächsten Tag zu Hause waren, habe ich das gleich umgesetzt. Zu hören im Song „Black Smoker“ von HURAKAN. Das Cover von Opeth´s „Blackwater Park“ hat mich auf eine sehr tiefe Weise beeindruckt. Auch das Album an sich ist mit Sicherheit eine meiner absoluten Lieblingsscheiben. Wahrscheinlich ist aus diesem transportierten Gefühl die Idee zu THE WITCHES` DREAM entstanden. Obwohl es musikalisch nicht viele Parallelen gibt. Eine Hihatfigur oder ein Beat können es auch sein (hier vor allem Daniel Liljekvists Drumming bei Katatonia). Oder ein Workshop. Ich war mal in Irland auf einem Percussion Workshop von Brendan Perry (Dead Can Dance). Das hat mich für mein Leben beeinflusst und war seinerzeit der Start von POETS TO THEIR BELOVED. Meistens aber läuft bei mir Inspiration so ab: Ich spüre etwas in mir. Ein Gefühl, das mir eigentlich schon alles vorgibt: Instrumentenwahl, Stimmung, Stilistik, Text…oder ich habe eine melodische Idee…in der letzten Zeit sind auch einige Songs entstanden, wenn meine Tochter bei mir ist…einer sogar, als wir beide am Klavier saßen, nämlich „Escape is Close at Hand“, der jetzt auf dem zweiten MAYZE-Album erscheinen wird.


Foto: Adam Glagla

Chris:
Wie entscheidest du welche Ideen für welches deiner verschiedenen Projekte geeignet ist, oder schreibst du die Songs gezielt für die verschiedenen Bands?

Marcel:
Es gibt drei Wege: Zum Beispiel als unser Keyboarder bei MAYZE ausgestiegen ist. Ich überlegte mir zu Hause, wie es jetzt weitergehen könnte. Wie könnte man aus der Situation das Beste machen, auch mit dem Wissen, dass es schwer sein würde, einen so guten Keyboarder zu ersetzen. Also dachte ich mir, die neuen Songs müssten kompakter werden, ohne Keyboard als integralen Bestandteil der Songs. Ich wusste, in welche Richtung die neuen Songs gehen sollten. Das war mir irgendwie klar. Ich liebe Katatonia – warum nicht die Stimmung älterer Katatonia aufgreifen und anders neu interpretieren, es wird ja automatisch anders/neu in unserer Band. Wir kopieren nichts. Das müssen wir gar nicht, wir haben genug selbst zu erzählen. Aber das gab dann die Richtung vor und die nächsten Songs habe ich dann alle zielgerichtet für MAYZE komponiert. Manchmal entstehen Songs, die dann der Startschuss sind für ein neues Projekt oder eine neue Band (so zum Beispiel bei THE WITCHES` DREAM, die ganze Platte ist innerhalb von drei Wochen entstanden, die Band dann erst viel später). Und dann gibt es Songs, die ich tatsächlich bestehenden Bands/Projekten zuordne. Ich übe zum Beispiel, mir fällt eine coole Chord Progression ein, der Song entsteht. Dann überlege ich, wozu das passt. Und dort landet er dann. In seltenen Fällen kann das sogar wechseln.

Chris:
Woran arbeitest du im Augenblick, welche musikalischen Pläne hast du für die Zukunft?

Marcel:
Ich arbeite momentan am Nachfolgealbum von THE WITCHES´ DREAM. Das ist fast fertig. Dann habe ich das dritte MAYZE Album auch fast komplett fertiggestellt. Vieles ist im Moment auch davon geprägt, den verschiedenen Musikern das benötigte Arbeits- und Übungsmaterial zur Verfügung zu stellen. Oder unserem Mischer, der auch am Sound sehr kreativ mitarbeiten wird. Er hat jüngst das Debüt von HRAUN gemischt und einen fantastischen Job gemacht, gemastert hat übrigens Dennis Koehne (großartiger Mann!!!) Sein Name ist Peter Ostaszewski, sein neues Studio ist das Studio am Wasserturm. Kann ich sehr empfehlen! Für die Zukunft sind jetzt schon einige Weichen gestellt, deren Richtung ich noch nicht verrate. Aber ganz klar möchte ich mit meinen Bands einfach so viel wie möglich spielen, und weiterhin Alben veröffentlichen!

Chris:
Was denkst du derzeit über das Musikgeschäft? Ist es für Musiker schwieriger geworden?

Marcel:
Ja, definitiv. Und das liegt an einem Phänomen, das sich auch nicht mehr ändern lässt. Die Wertschätzung für die Musik und deren Urheber hat extrem nachgelassen. Nicht bei den Maniacs – die gehen immer noch auf Konzerte, kaufen Platten, Merch, wissen was es bedeutet, Musiker zu sein. Und die zeigen dir auch, was deine Musik für sie bedeutet. Ich habe zum Beispiel eine gute Freundin, die mir regelmäßig wunderschöne Mails schreibt, wenn ich etwas veröffentliche. Darin beschreibt sie, wie ihr meine Songs gefallen. Das ist großartig. Oder wenn ich an Menschen wie Jörg Müller denke, unser „Labelboss“ von WITCHES, der ist ein absoluter Liebhaber und Maniac. Das ist fantastisch. Ich habe auch sonst tolle Gespräche mit anderen Menschen über Musik, Bands und den Underground. So sind meine Bandmates auch sowas wie meine musikalische „Familie“.…aber ich bin einfach megafroh, nicht versuchen zu müssen, mit Musik meinen Lebensunterhalt zu verdienen…krass. Meine jüngste Entdeckung, Jinjer, das ist so eine junge megageniale Band aus der Ukraine, die machen das. Das finde ich bewundernswert, grandios. Und diskutiere auch regelmäßig mit meiner Frau über das Thema. Aber heute Profimusiker? Einfach war es mit Sicherheit nie. Aber ich glaube, dass der große Unterschied zu früher wirklich die eingangs erwähnte Wertschätzung ist. Heute ist alles zugänglich, in Massen und Playlists frei verfügbar. Und das nährt den Glauben, das Musik auch frei oder nahezu frei für jedermann konsumierbar sein müsse. Warum dafür (viel/ausreichend) zahlen??? Ich kann es doch überall runterladen. Das macht es dann in der Konsequenz schwierig, Wertschätzung für den einzelnen Titel und die einzelne Band einzufordern oder zu erwarten. Und das sieht man dann auch immer wieder am Clubsterben und den spärlich besuchten Undergroundgigs. Klar haben auch die Kids heute noch ihre Stars. Aber ich bezweifle, dass sie wirklich ein Gefühl für den Wert von Musik, der Übung am Instrument, dem Touren und dem Medium CD oder Vinyl haben. Müssen sie das? Nun, wenn eine Gesellschaft weiterhin Kunst als integralen Teil ihrer selbst haben möchte, dann sollte sie nicht vergessen, dass ihre Künstler dann auch Raum brauchen, um diese zu schaffen. Und da reicht nicht die Luft zum Atmen. Ich habe es heute zwar einfacher, gute Instrumente zu bekommen. Ich kann sogar schon für kleines Geld an den Schulen guten Instrumentalunterricht genießen, ich kann meine Musik selbst aufnehmen und online vermarkten. Ich kann Musikvideos drehen und schneiden (habe ich sogar selbst jetzt erst für HRAUN gemacht  ). Ich sollte aber viel weniger erwarten, dass das alles wertgeschätzt wird. Und wenn ich ohne Wertschätzung auskomme, dann habe ich es heute einfacher. Wenn ich aber in Clubs spielen will, die einigermaßen voll sind, wenn ich meine Kellerräume nicht mit eigenen CDs als Ladenhütern vollstopfen will, dann habe ich schon ein Problem. Aber egal. Ich werde solange ich kann Musik machen und live spielen. Und wenn dann noch Leute da sind, die das gut finden, dann ist das doch super. Außerdem gibt es ja so Situationen, in denen Jörg sagte: „Hey, ich mache die Platte mit euch.“ Und jetzt ist sie angekommen. Und nicht nur das, er hat sogar noch Holzboxen SELBST gebaut und die wunderbare Anne Niederhagemann hat unser Logo draufgebrannt. Was will ich denn mehr??? Was letztendlich zählt, ist jede einzelne Probe, jeder einzelne Gig, jede Minute, die ich musikalisch verbringen darf!!! Und eben, dass es noch solche Menschen gibt, und die gibt es, die Musik lieben und wertschätzen, was du machst!

Chris:
Ist es schwierig an gute Auftrittsmöglichkeiten zu kommen und wie sind die Resonanzen auf bisherige Alben und Gigs?

Marcel:
Oh ja, das ist schwierig. Wir haben mit MAYZE eine zeitlang, als wir sehr intensiv live unterwegs waren, versucht, an Festivals zu kommen. Nix zu machen. Ich weiß nicht, woran es lag. Vielleicht waren wir musikalisch zu der Zeit nicht angesagt. Keine Ahnung. Wenn ich ehrlich bin, kann ich mir das aber nicht vorstellen. Denn wenn ich mir dann anschaue, dass oft immer wieder die gleichen Bands spielen, dann glaube ich eher, dass das andere Gründe hat. Vieles läuft wahrscheinlich auch einfach über Beziehungen. Was ja auch wahrscheinlich ist, wenn das Angebot an Bands, die spielen wollen, so immens groß ist. Dann sollte man schon ein guter Netzwerker sein. Das bin ich bestimmt nicht. Aber gut, so isses dann halt. Unsere Zeit wird kommen, da glaube ich fest dran. Wir bleiben einfach am Ball. Denn wir wollen unsere Songs zeigen, weil wir da megastolz drauf sind. Die bisherigen Resonanzen sind eigentlich sehr gut. Wir hören ziemlich oft, dass wir auf größere Bühnen gehören und eine gute Liveband sind. Nun denn, wir sind bereit, gebt uns die Möglichkeit, wir rocken das Haus.


Foto: Adam Glagla

Chris:
Was machst du außerhalb der Musik so?

Marcel:
Ich arbeite als Lehrer für Englisch und Musik und ansonsten gehe ich voll im Familienleben auf.

Chris:
Verfolgst du das Schaffen anderer Bands und was gefällt dir so im Augenblick?

Marcel:
Auf jeden Fall. Mich hat sehr getroffen, dass Katatonia auf Eis gelegt sind. Auch schon, als Daniel Liljekvist ausgestiegen ist. Sowas hängt mir ziemlich nach. Vor allem weil für mich die Musiker innerhalb einer Band aus Fansicht auch sehr wichtig sind! Dann habe ich natürlich meine alltime Faves wie Opeth und Morbid Angel. Leider hauen die auch nicht mehr die Scheiben raus, die mich umhauen. Obwohl mich David Vincents VLTIMAS echt begeistern. Dann Dead Can Dance, die ich bald wieder live sehen werde. Aber im Underground gibt es auch extrem geile Sachen. Zum Beispiel liebe ich die Scheiben von Convulsing! Besser als die meisten „großen“ Acts. Außerdem ist es immer wieder eine ganz besondere Erfahrung, wenn Freunde Musik machen. Zum Beispiel spielt mir der Basser von Witchtower, Michael Braun, der auch mal bei Poets To Their Beloved Gitarre gespielt hat, immer wieder live auf der klassischen Gitarre vor. Das hat er auch schon früher gemacht, als wir mit PTTB noch aktiv waren. Sowas ist immer großartig! Dann schaue ich morgens vor der Schule immer Krachmucker TV und den Dunklen Parabelritter, das bringt mich gut in den Tag. Ach, und es gibt so viele tolle Alben, die ich momentan höre. Immer im Auto auf den Schulwegen: Lucifer, Primordial, The Devil´s Blood, alte Obituary und Dismember, Gojira, Wardruna, Hugsja, alte Faun, usw…

Chris:
Noch was zum Abschluss?

Marcel:
Vielen Dank, Chris, dass ich dieses Interview mit dir machen durfte. An alle Maniacs da draußen: hört mal in meine Musik rein, das würde mich sehr freuen! Und kommt zu den Gigs, das ist es, um das es geht!!!

Die neue Platte von „The Witches Dream“ bekommt man übrigens beim Label „ftwctp Records“
Unter joerg@ftwctp.de bekommt mal alle Informationen.
Oder direkt bei der Band anfragen unter the-witches-dream@t-online.de

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here