Voller Stolz schaffe ich es pünktlich am Kulttempel in Oberhausen einzutreffen. Dieser Weg wird kein leichter sein… dieser Weg ist voller Baustellen und Stau. Jede Fahrt durch das Ruhrgebiet ist ein Abenteuer. Wege, die einst mal 30 Minuten dauerten, werden inzwischen zu gefühlten Tagesausflügen. Umso mehr trifft mich der Schlag, als ich die Schlange vor dem Kulttempel sehe, hunderte von Menschen in Reih und Glied. Diese Menschenmassen erklären sich schnell, da „Dir En Grey“ in der Turbinenhalle nebenan, eines ihrer ausverkauften Konzerte spielen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es für mich umso schneller gehen würde, denn auch das Thrash Speed Burn Festival ist mit seiner nunmehr achten Edition zu einer festen Größe in der Szene mutiert, welches heute mit einer Rekordkulisse aufwartet. Am Eingang freundlich empfangen, laufe ich schnurstracks in Richtung Halle, da ich bereits die ersten Töne vernehme. Statt der auf den Plakaten und Flyern angekündigten SPHINX stehen GRINDPAD aus den Niederlanden auf der Bühne. Dieser Tausch war notwendig, da sich Basser/Sänger Sebastian Bohrmann von SPHINX, zwei Tage vor der Show, bei einem Arbeitsunfall so schwer verletzte, dass der Auftritt leider abgesagt werden musste. Auf diesem Weg wünschen wir hier gute Besserung!

Freud und Leid liegen im Leben oft nah beieinander. GRINDPAD haben in einer Nacht und Nebelaktion zugesagt und den Opening Slot für das Thrash Speed Burn Fest übernommen. Von einem „Lückenbüßer“ kann hier aber bei Weitem nicht die Rede sein. Die Band legte los, als gäbe es keinen Morgen mehr. Die Halle füllte sich extrem schnell und die Masse nahm die „Shark Thrash Attack“ dankend auf und zahlte der Band ihre Mühen mit dem ersten „Shark Pit“ zurück. Selten sieht man, wie ein Opener sich so schnell in die Herzen der Fans erspielt. Da ich mit der Band nicht vertraut bin, kann ich keinen einzelnen Songs hervorheben. Rundum war es ein gelungener Auftakt für diesen Abend. Das Thrash Speed Burn hat die Stellschrauben ein wenig gedreht und am Feintuning der Events gearbeitet. Wie gewohnt, gibt es draußen eine kleine Grillhütte, die mit den besten Bratwürsten (auch vegetarisch), Krakauern und Currywürsten glänzt. Der Sage nach, steht Veranstalter Martin immer einen Tag vorher Zuhause am Grill und kocht die Soße selbst, in die er dann die Würste einlegt, damit diese gut durchziehen können. Die Currywurst genießt auf jeden Fall inzwischen legenden Status und auch wenn 2024 schon die doppelte Menge produziert wurde, so reichte dies auch an diesem Abend nicht aus. Noch bevor der Headliner auf die Bühne stieg, ruft der Schwiegervater des Veranstalters „ausverkauft“. Bleiben noch die Kra… oh, auch ausverkauft. Na, dann halt eine Bratwurst. Aus dem Biergarten verabschiedet, führt es mich in die neu eröffnete „Old Daddy Lounge“, wo das Merchandise der Bands, des Festivals und ein Händler (ps-metal.de) zu finden sind. Auffällig positiv: Hier gibt es die Möglichkeit zu sitzen und zu quatschen. Noch vor 10 Minuten standen sie auf der Bühne, jetzt stehen GRINDPAD hier am Merchandise Stand, schreiben Autogramme und machen Fotos mit den Fans, welche immer noch in Ekstase sind. Kurzer Blick auf die Uhr und ich schaue vorsichtig in die Halle. Wie ein Uhrwerk geht es pünktlich mit der zweiten Band TRAITOR weiter. Ehe das Intro abgespielt wird, steht der Veranstalter Martin Sosna, auf der Bühne, um ein paar Worte an die Menge zu richten. Zuerst gilt sein Dank allen Leuten, die ihn und sein „Familien Festival“ unterstützt haben. Dann erfahren wir, dass Bassist von TRAITOR Lorenz Kandolf schon 2020 als Gast auf dem Thrash Speed Burn Festival war. Bis heute musste der Auftritt der Band (vor allem durch die Pandemie) warten. Nun aber heißt Oberhausen TRAILOR mit einem heftigen Jubel willkommen. Aber auch gedämpfte Worte sind ein Teil dieser Rede, denn bei aller Fröhlichkeit wird feinfühlig daran erinnert, dass Konzerte, Festivals und „Party machen“ keine Selbstverständlichkeit für alle darstellen. Erst vor kurzem hat im Bekanntenkreis der Krebs wieder einmal in seiner übelsten Form zugeschlagen und diesmal verstarb dabei ein Junge im Alter von 8 Jahren. Dieses Kind hatte keine Chance im Leben auf Festivals zu gehen oder Partys zu feiern. „Es ist nicht unsere Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wäre aber unsere Schuld, wenn sie so bliebe“. Mit diesen einleitenden Worten erinnert Martin Sosna daran, dass am 13.09.2024 ein großes „Dankeschön“ Konzert mit freiem Eintritt im Kulttempel stattfinden wird. Bei dem Jedoch jeder, der möchte, an diesem Tag für die Kinderkrebs Station in Essen spenden kann. Jeder Cent „wird auf Heller und Pfennig der Elterninitiative für krebskranke Kinder“ in Essen zu Gute kommen. Wieder einmal beweist sich, umso härter die Kutte, umso weicher das Herz.

Nachdem die Stimmung bei Grindpad schon extrem gut war, ist sie jetzt auf dem nächsten Level angekommen. Auch TRAITOR verstehen es bestens, die Fans auf ihrer musikalischen Reise einzufangen und hauen ihre Evergreens wie „Ebola“ oder „Mad Dictator“ in die Masse. Von Song zu Song werden die Circle Pits immer wilder. Menschenleiber fliegen durch die Lüfte, Stagediving ist angesagt. Das ist schon echt ein Hammer auftritt, den TRAITOR in ihren 55 Minuten Spielzeit hinlegen. Heute habe ich gelernt, dass ein furioses Finale auch darin bestehen kann, dass der Band im letzten Song das Bass Drum Fell reißt. Was für ein Ende und so ist es auch kein Wunder, dass noch minutenlang die „TRAITOR TRAITOR TRAITOR“ Sprechchöre durch den Kulttempel hallen. Ich wandere Richtung Chill Out Area, da mir der Biergarten schon zu voll ist. Es ist schön zu sehen, wie die Menschen miteinander reden und sich austauschen. Ebenfalls schön zu sehen, dass auch TRAITOR den Weg von der Bühne in den Merchbereich sehr schnell gefunden haben, dort mit den Fans klönen, Fotos machen und Autogramme schreiben. Aber da fehlt doch wer…Die Umbaupause dauert 10 Minuten länger, da das Schlagzeug erst einmal mit einem neuen Bassdrum Fell ausgestattet werden muss. Nutzt ja alles nichts. Und schon ertönt das nächste Intro und es erklärt sich, warum Basser Lorenz bei der Signing Session nicht anwesend war: Steht er doch direkt wieder mit REZET auf der Bühne. Auch REZET legen sich mächtig ins Zeug und haben direkt einen Zuspruch der Fans. Im Nachgang muss ich aber anmerken, dass es vielleicht schlauer gewesen wäre, wenn erst REZET und dann TRAITOR gespielt hätten. Bei allen Bemühungen und einem wirklich sehr guten Auftritt der Band, muss man objektiv feststellen, dass es keine Freude ist, nach TRAITOR auf die Bühne zu gehen. Der Saal ist nicht mehr so voll, wie er es bei TRAITOR war. Da nutzt es auch nichts, das REZET, die inzwischen arg strapazierte Hymne „Dead City“ der Thrash Legende „Violent Force“ raus ballern. Dafür sind der Biergarten und die Chill Out Lounge inzwischen recht gut frequentiert.

Kurze Umbaupause und schon fliegt die Fledermaus durch den Raum! „BATS“ nennt sich das neue Album der Iren von Gama Bomb und genau dieses promoten die Jungs heute Abend in Oberhausen. Alles startet mit „Miami Supercops“ und geht in „Egyptron“ über. Die Band fädelt es so geschickt ein, das der Mob wieder gebündelt vor der Bühne steht und man jetzt deutlich merkt, wie voll der Kulttempel ist. Ich selbst freue mich auf „Living Dead in Beverly Hills“ und „Backward Bible“. Es dürfen aber auch die „Slam Anthem“ und der „Mussolini Mosh“ nicht fehlen, ehe „Terrorscope“ den Abend unter frenetischem Jubel der Fans beendet.

Auch wenn es noch den Programmpunkt: „Drinking in Silence“ gibt, der bis 0.00Uhr gehen soll…Der Kulttempel leert sich sehr schnell und die Leute sind nach einem solchen Abend völlig ausgelaugt. Bleibt am Ende der Satz: „Was war das denn für eine geile Party heute?“. Genau das frage ich mich auch. Wie gelungen war dieser Abend? Statt der üblichen 5 Bands, hat man die Zahl auf 4 Bands heruntergeschraubt. Es gab ausreichende Sitzmöglichkeiten. Ob in der Halle oder in den Ausweichbereichen: Überall herrschte beste Stimmung! Die Preise bei den Merchständen, beim Bier oder auch an der Grillhütte waren vollkommen im Rahmen, so das man von einem „Value for Money“ Event sprechen darf. Am 13.09.20204 geht es mit dem Thrash Speed Burn in die neunte Runde. Dazu der Veranstalter: „Es ist sehr ungewöhnlich, dass es in einem Jahr zwei Thrash Speed Burn Festivals gibt. In den Zeiten der Pandemie haben uns viele Fans unterstützt, sei es durch aufmunternde Worte oder gar durch finanzielle Spenden. Wir sind noch nicht ganz ein Jahr aus der Pandemie raus. Es ist aber schon noch zu merken, dass einige Menschen sehr hart miteinander ins Gericht gehen. Da haben sich echte Fronten gebildet. Mit dem Konzert am 13.09.2024 möchten wir diese Fronten etwas aufweichen und uns bei allen Fans bedanken. Ich glaube, dass ist im Generellen ein wenig zu kurz gekommen. Es wurde viel Negatives hochbefördert, was aber vergessen wurde ist, dass viele Menschen die Pandemie auch genutzt haben, um sich solidarisch zu zeigen. Sie haben geholfen. In welcher Art auch immer. Ob da Mehl, Hefe oder Klopapier durch die Lande geschickt wurden. Ob man jemanden mal in den Arm genommen hat und gesagt hat: „Gib nicht auf. Es kommen auch wieder bessere Zeiten“. Wir haben versucht, das Line Up sehr breitgefächert aufzustellen. Es wurden mit Taskforce Toxicator (Thrash Metal) und Tytus (Heavy Metal) bereits zwei Bands genannt und da der Bericht vor Donnerstag nicht erscheint, kann ich dir auch schon Overruled aus Holland als dritte Band nennen. Den Headliner geben wir während dem Rock Hard Festival bekannt.“
Fotografie: Tatjana Krupka
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