Deine Cousine – Abriss im Stadtwerkezelt. Wie auch in den vergangenen Jahren stehen wieder die drei großen weißen Riesen am Kemnader See. Gemeint sind die drei Veranstaltungszelte des Zeltfestival Ruhr. Die 17-tägige Erlebniswelt startete in diesem Jahr am 21. August – und ich durfte bei einem der ersten Konzerte dabei sein. Ausverkauft hieß es an diesem Abend im Stadtwerkezelt. Kein Wunder, denn kein Freund des Punkrocks sollte sich eine solche Show entgehen lassen. Wie weit es Ina Bredehorn mit ihrer Band Deine Cousine in 13 Jahren geschafft hat, ist beeindruckend. Wer sie auf der Bühne erlebt, weiß allerdings auch: Das ist noch lange nicht der Höhepunkt. Ina ist zur Rampensau geboren. Den ganzen Abend springt dieses Energiebündel über die Bühne, und dabei merkt man ihr jederzeit an, wie viel Spaß sie selbst daran hat. Zwar nicht auf St. Pauli geboren, verkörpert sie trotzdem perfekt das Hamburger Mädel: bodenständig, weltoffen, direkt, politisch links – und dabei immer ganz nah am Publikum. Deine Cousine live lassen in mir Erinnerungen an die Hosen und die Ärzte der ersten Stunden aufkommen. An eine Zeit, in der Deutsch-Punk noch aggressiv, unangepasst und voller Enthusiasmus war und noch keine Züge von Schlager mit sich brachte. Was war das an diesem Abend für ein geiler Scheiß! Schon mit den ersten Takten von „Sankt Pauli“ flippte das Zelt komplett aus. Es war, als würde die Musik den Adrenalinspiegel im Publikum von Minute zu Minute weiter nach oben treiben. Vergleichbar mit einer Achterbahnfahrt ging es durch den Abend – wobei die Abfahrten hier keineswegs in einem Tief endeten, sondern immer nur den nächsten Anlauf für die nächste Welle bildeten. Döp-dö-dö-döp-döp, döp-dö-dö-döp-döp. Ich wusste zwar nicht, wie dieser Abend enden würde, aber bereits beim zweiten Song war klar, wie er verlaufen würde: Das Stadtwerkezelt hatte einfach Bock zu feiern. Und es bekam an diesem Abend eine Setlist, die diesen Wunsch perfekt unterstützte. Auch wenn der größte Teil der Zuschauer sicherlich keine Probleme damit gehabt hätte, englische Texte mitzusingen, macht das Ganze in der eigenen Muttersprache doch noch einmal deutlich mehr Spaß. Egal, ob aufgefordert oder nicht: Das Stadtwerkezelt ließ sich nicht lumpen. Der Zuschauerchor war zeitweise sogar weit über das Zelt hinaus zu hören. Und an diesem Abend waren es nicht nur die Girls, die ihren Fun hatten. Überhaupt war das Publikum extrem gemischt. Bei einigen Besuchern in der Schlange hatte ich mich noch gefragt, ob sie vielleicht am falschen Zelt anstehen. Spätestens im Laufe des Konzerts wurde ich eines Besseren belehrt. Nicht nur die jungen Fans rasteten an diesem Abend aus und gingen schreiend, jubelnd, klatschend, singend und tanzend an ihre Grenzen. Deine Cousine brachten wirklich jede Altersgruppe zum Ausflippen. Rio Reiser selbst, hätte mit seinem „König von Deutschland“ wohl kaum mehr Stimmung erzeugen können als Deine Cousine an diesem Abend. Ich würde deshalb sagen: Zumindest den Titel Punkkönigin von Deutschland hat sich Ina Bredehorn mittlerweile verdient. Dieser Auftritt hat eindrucksvoll gezeigt, dass Deine Cousine längst keine Angst mehr vor den großen Bühnen haben müssen. Die Grenzen der Hamburger Markthalle sind längst Vergangenheit. Auf jeden Fall darf man gespannt sein, wohin die Reise noch geht.
Fotografie: Tatjana Krupka
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