Pic: Ervin Novak

In dieser Artikel Serie geht es um das Handwerkzeugs beliebter Gitarristen. Welches sind ihre Lieblingsgitarren und wie ist ihr Bezug dazu. Diesmal mit Coralie Baier (Antipeewee, Atlantean Kodex)

Wann hast du mit dem Gitarre spielen angefangen und kannst du dich noch an deine erste Gitarre erinnern? Ist diese Gitarre noch in deinem Besitz?

Meine Eltern haben damals entschieden, dass ihre neunjährige Tochter Gitarre spielen lernen soll. Zum Glück konnten sie sich durchsetzen, denn ich war damals noch auf dem Trichter, Saxophon lernen zu wollen. Ich ließ mich dann wohl doch überreden, fuhr mit meinen Eltern nach Regensburg in ein Gitarrengeschäft (in dem ich jetzt seit über 10 Jahren arbeite) und suchte mir eine hübsche, nicht allzu teure spanische Klassikgitarre aus. Den Hersteller weiß ich gerade nicht, denn die Gitarre befindet sich im Haus meiner Eltern. Sie wird immer einmal im Jahr, am 24. Dezember, heraus gekramt. Weihnachten wird bei uns traditionellerweise gesungen, und ich halte dann für die Liedbegleitung her. Von 2001 bis zu meinem Abitur 2011 hatte ich klassischen Gitarrenunterricht. Das war eine sehr prägende Zeit mit vielen Höhen und Tiefen. Ich kann mich erinnern, dass ich anfangs einige Anlaufschwierigkeiten hatte und wie jedes normale Kind ziemlich faul war. Dann, während der schwierigen Phase der Pubertät, in der andere Mädels schon ausgingen und ihre ersten Freunde und so weiter hatten, machte mir das Üben plötzlich Spaß. Ich merkte Fortschritte und erkannte, dass das, was ich da machte, etwas Besonderes war. Ich entdeckte sozusagen das erste Mal die Künstlerin in mir. In dieser Phase begann ich dann auch, mich für Metal und Hardrock zu interessieren, und es war nur ein logischer Schritt, dass ich mir bald eine E-Gitarre zulegte und parallel zum Klassikunterricht auch noch E-Gitarrenunterricht nahm.


Pic: Thomas Vinylian

Was sind deine musikalischen Einflüsse und welche Gitarristen sind deine Favoriten?

Als zentralen musikalischen Einfluss würde ich Iron Maiden nennen. Es gibt keine andere Band, die mich als Teenager so in den Bann geschlagen hat. Insbesondere die Alben aus den Achtzigern haben mich nachhaltig beeinflusst. Das Duo Smith/Murray ist nach wie vor mein persönlicher Maßstab, was musikalische Virtuosität betrifft. Etwas später begann ich mich dann für Thrash Metal zu interessieren und Songs von Metallica, Annihilator und Kreator nach-zuspielen. Das war eine gehörige Herausforderung, aber wenn ein Riff mal lief, war man stolz. Als ich dann mit Antipeewee mehr in die Thrash Metal-Szene wuchs, wurden auch amerikanische Thrash und Speed Metal Bands der zweiten Generation, insbesondere Municipal Waste, Toxic Holocaust, Warbringer und Bat für mich wichtig. Als weitere, langjährige musikalische Einflüsse zähle ich Rainbow, Bathory und Blind Guardian. Auf Judas Priest kam ich verhältnismäßig spät (vielleicht lag das an meinem Maiden-Fanatismus), etwa vor 7 Jahren, aber seitdem üben insbesondere die Songs aus der Tipton/Downing-Ära starken musikalischen Einfluss auf mich aus.
Meine Lieblingsgitarristen:
Adrian Smith und Dave Murray von Iron Maiden. Vor allem aber Adrian. Ich finde seinen Stil außerordentlich vielseitig und emotional. Wir fallen mit ihm in ungesehene Tiefen und steigen von dort wieder auf in den Himmel. Und dazwischen passiert so einiges virtuoses Zeugs. Dave ist eher so ein Dudler, dessen Spielweise zwar sein Können unter Beweis stellt, aber im Gegensatz zu Adrians meines Erachtens nicht so dynamisch ist.
Ritchie Blackmore, insbesondere sein Schaffen bei Rainbow. Kein anderer außer André Olbrich schafft es so gekonnt, Melodien aus alten (magischeren) Zeiten wieder zum Leben zu erwecken. Außerdem mag ich Ritchies einzigartigen Octaver-Sound, den er auf manchen Rainbow-Scheiben einsetzt und seinen harten, wohl aus Deep Purple-Zeiten stammenden Anschlag.
Bleiben wir gleich bei André Olbrich von Blind Guardian. Dass er mit Alben wie „Somewhere Far Beyond“ oder „Nightfall in Middle-Earth“ musikalische Meisterwerke geschaffen hat, brauche ich eigentlich nicht mehr zu erwähnen. Vor allem ist er aber ein Weltklasse Livegitarrist, der noch dazu den Umgang mit dem WahWah perfektioniert hat.
Glenn Tipton und K.K. Downing von Judas Priest. Das Duo war eine absolute Heavy Metal-Maschine, Live wie auf Platte. Glenn Tiptons Solos sind meiner Meinung nach absolute Gottesgeschenke.
Brian May von Queen, der mit seiner selbstgebauten Gitarre den besten Livesound kreiert hat, den man sich vorstellen kann. Von seinem spielerischen Talent brauche ich nicht sprechen.
Aus der Thrash Metal-Riege: James Hetfield mit seinen irrsinnigen Downstrokes, die meines Erachtens die Musikgeschichte revolutionierten und Kirk Hammett mit seinen blitzschnellen Solos und gefühlvollen Melodie- und Akustikparts. Jeff Waters von Annihilator, der die abgefahrensten Thrash Metal Riffs schreibt. Und Sami Yli-Sirniö, der bei Kreator eine neue musikalische Ära begründet hat. Er hat einen ganz eigenen Stil, der sich vor allem durch seine Arbeit am Tremolo auszeichnet.
Von den jüngeren Gitarristen möchte ich noch zwei nennen: Zum einen Nick Poulos von Municipal Waste und Bat. Er spielt insbesondere bei Bat eine einzigartige Mischung aus Thrash, Speed und Rock’N’Roll, die es mir besonders angetan hat. Und zum anderen Oeds Beydals, der bei den mittlerweile leider schon wieder aufgelösten Death Alley die wildesten Rock und Punk-Riffs ablieferte, die man sich vorstellen kann. Er spielte früher auch bei The Devil’s Blood und ist jetzt Gitarrist bei Farida Lemouchis Nachfolgeband Molasses.


Pic: Thomas Vinylian

Wie viele Gitarren besitzt du und welche sind deine Favoriten?

Ich habe bei mir zuhause:
eine Hanika 50 PC (meine zweite Klassikgitarre)
ein Ibanez RG-Modell aus den frühen 2000ern mit naturbelassenem Palisanderkorpus (meine erste E-Gitarre, die ich wohl nie hergeben werde)
eine Jackson King V Cobalt Blue Swirl (meine erste King V, die ich heute als Backup bei Antipeewee benutze)
eine Jackson Demmelition Pro in Gold (meine Hauptgitarre bei Antipeewee)
Eine Gibson Explorer Traditional Pro (mein Backup bei Atlantean Kodex)
Eine Gibson L6S aus den 70ern (meine Hauptgitarre bei Atlantean Kodex).
Ich liebe meine vier Live-Gitarren, jede ist unterschiedlich. An meiner King V Cobalt Blue mag ich, dass sie so schön schlicht ist – eine einfache, sehr leichte V, die genau tut, was sie soll. Mit der Jackson Demmelition Pro habe ich die meisten Bühnen bespielt – die ist fast schon so was wie ein Körperteil geworden. Und mit ihren zwei aktiven EMGs hat sie eine messerscharfe Attack. Ich muss sagen, dass mich auch meine Explorer zunehmend begeistert: Gibson-typisch ist sie eine grundsolide Metalgitarre, mit der vor allem auch Solos sehr gut von der Hand gehen. Meine L6S ist ein Exot, der immer wieder für Gesprächsstoff sorgt. Sie ist die perfekte Mischung aus Les Paul und SG. Der 70er-Humbucker-Sound ist satt, voll und damit ideal für die brachialen Sounds von Atlantean Kodex. Von all meinen Gitarren ist die L6S diejenige, die am meisten ‚singt‘: Vibratos und Bendings gelingen mit ihr am schönsten; eventuell liegt das an dem gut gealterten Holz.


Pic: Marco Rubenbauer

Was meinst du macht die perfekte Gitarre oder Verstärker aus?

Gitarre: Vor allem eine angenehme und ergonomische Saitenlage. Das ist das Nonplusultra. Und 9er Saiten, weil ich finde, dass diese Saitenstärke am dynamischten einsetzbar ist. Als nächstes das Gewicht: Sie darf nicht zu schwer sein (deshalb spiele ich z.B. keine LesPaul). Im Thrash Metal wünsche ich mir einen schmalen Hals, weil ich damit schneller bin. Im Epic Metal darf der Hals ruhig ein wenig mehr Umfang haben. Im Thrash Metal wünsche ich mir ein astreines Floyd Rose-System, mit dem ich so viel Divebombs machen kann, wie ich möchte. Im Epic Metal wünsche ich mir eine Gitarre, die sich während der Live-Show so wenig wie möglich verstimmt (so manche Gibson ist da bekanntlich anfällig dafür), auch wenn ich mal ein paar Bendings mache. Pickups: bei beiden Genre-Spielarten sollte mindestens ein Humbucker vorhanden sein, ansonsten aber kein Schnickschnack, die firmeninternen Pickups sind meistens absolut ausreichend. Die Form ist mir tatsächlich relativ schnuppe – aber wenn ich mit der Klampfe auf die Bühne soll, darf es durchaus ein wenig extravagant sein.
Verstärker: Vollröhre, durchsetzungsfähig, aber nicht aufdringlich, im besten Fall muss man auf keinen extra Solokanal wechseln und trotzdem ist alles hörbar, schnelle und steuerbare Feedbackregelung, Noise Gate. Effekte wie Reverb o.Ä. müssen nicht sein, die hänge ich mir ggf. als Pedale dran.


Pic: Florian Stangl

Was denkst du über die Frage Röhrenamp oder Modeler?

Meiner Meinung nach gibt es hier kein „oder“. Eher ein „und“. Bei mir ist es zumindest so. Ich habe lange Zeit nur über meinen Engl Powerball II gespielt und liebe ihn heute noch. 2018 habe ich dann meinen Engl-Sound mit einem Kemper geprofiled und habe meinen persönlichen Sound jetzt auch als digitale Form. Das ist eine perfekte Ergänzung, vor allem für Aufnahmen zuhause oder im Tonstudio. Ich finde jedoch nach wie vor, dass Vollröhrenamps live mehr Druck machen und insgesamt einen natürlicheren Sound haben. Bei Kodex sind Manuel und ich noch ganz alte Schule und spielen über unsere Röhrenverstärker. Bei Antipeewee haben Jogi und ich mittlerweile voll auf Kemper gewechselt und ergänzen uns soundtechnisch ideal. Live spielen wir im Moment noch mikrofoniert – allerdings habe ich mir sagen lassen, dass der Kempersound nochmal mehr anschiebt, wenn man damit direkt ins Mischpult geht. Das müssen wir bei nächster Gelegenheit mal ausprobieren!

Welche Gitarren und Amps benutzt du für Aufnahmen?

Bei Antipeewee spiele ich die Songs über meinen Kemper-geprofilten Powerballsound ein. Die Aufnahmeprozesse bei Atlantean Kodex bleiben geheim 😊.


Pic: S.Bollmann

Wenn du nur eine einzige Gitarre auswählen dürftest, welche würdest du nehmen?

Ich würde mir die rote Ibanez Destroyer II DT-300 FR von Adrian Smith (die aus den Videos zu „The Number of the Beast“ und „Run to the Hills“) nehmen, zuhause in die Vitrine stellen und davor einen Altar aufbauen.

https://www.antipeewee.com/

https://www.facebook.com/profile.php?id=100051705603070

 

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein